Sonntag, 31. Januar 2010

Die verlorene Melodie

Es lebte vor langer Zeit in einem Dorf im Norden ein Musiker. Er war kein bekannter Musiker und, obwohl er keine Noten lesen und schreiben konnte, ein sehr guter. Immer wenn es ein Fest in der Gegend zu feiern gab, lud man ihn ein, um seine Musik zu hören. Er spielte viele bekannte Lieder aus alten Zeiten und die Menschen liebten ihn für seine wunderbare Musik, tanzen und klatschten mit. Manchmal trug er selbst komponierte Stücke vor, welche seinem Publikum besonders gut gefielen. Er war in seiner Gegend ein vielbeschäftigter Mann. Das ganze Jahr über gönnte er sich kaum eine Pause und nur im tiefen Winter fand er die wohlverdiente Ruhe. In dieser Zeit schlief er viel und manchmal kam ihm eine Idee für ein neues Musikstück.

So ging es Jahr um Jahr.

So saß er eines kalten Winterabends an seinem Klavier und spielte auf den Tasten umher, als ihm plötzlich eine wundervolle Melodie in den Sinn kam, die fröhlich und traurig zur gleichen Zeit war und tief berührte. Während er sie immer und immer wieder spielte, weinte und lachte er zugleich, spielte sie viele Male und sie wurde bei jedem Spiel schöner und prachtvoller. Unser Musiker vergaß die Welt um sich herum, selbst als die Kerze in seinem Zimmer heruntergebrannt war und das Feuer im Kamin erloschen, konnte er nicht aufhören zu spielen. Erst in den Morgenstunden, als ihn die Finger vor Kälte steif wurden, beschloss er schlafen zu gehen. Und er träumte einen seltsamen Traum, kämpfte darin mit Drachen und Dämonen, die Ihm seine Musik stehlen wollten. Erst gegen Nachmittag des folgenden Tages erwachte er in seinem eiskalten Häuschen. Das Feuer war erloschen und es fror ihm bitter. Selbst der Tee auf dem Fensterbrett war eingefroren.
Doch was war passiert? Hatten es die Traumdämonen geschafft, ihm sein Lied zu stehlen? Er versuchte die Melodie zu pfeifen, zu summen auf dem Klavier zu spielen, aber es gelang ihm nicht. Er versuchte sich zu erinnern, spielte den ganzen Abend, suchte die Töne. Nichts!

Am Tag nach einer unruhigen Nacht beschloss er den Nachbarn zu fragen. Doch dieser hatte ihm zwar spielen hören, fand die Melodie wundervoll, konnte sich aber auch nicht mehr an sie erinnern. Der Musiker fragte den Rabe und obwohl der Rabe immer auf der alten Eiche vorm Haus sitzt und jedes seiner Stücke kannte, so konnte er ihm dieses Mal nicht helfen. Auch er konnte sich an die Melodie nicht erinnern.
In dieser Nacht träumte er erneut von den Drachen und Dämonen. Diese fauchten und lachten in seinem Traum und verspotteten ihn, weil er seine Melodie sich so einfach hat stehlen lassen. Aufschreiben hätte er sie sollen. Aber so, spotten die Drachen und die Dämonen lachten schauerlich.
Davon erwachte unser Musiker schweißgebadet und beschloss, das Notenschreiben zu lernen. Es war zwar schwierig, aber er gab sich unendlich viel Mühe und sein Lehrer zeigte viel Geduld mit ihm.

So erlernte er das Notenlesen und Schreiben nach wenigen Wochen.

Der Winter ging zu Ende und der Schnee begann zu schmelzen. Unser Musiker saß am Klavier und komponierte. Es waren viele lustige Stücke dabei, Spottlieder auf den König und dessen Hof, traurige Lieder über das Leben der einfachen Leute. Die Arbeit bereitete ihm besondere Freude, weil es nun all seine Ideen festhalten konnte und sich nicht mehr nur merken musste. Doch die eine Melodie aus jener Nacht kam ihm nicht mehr in den Sinn.
Eines Morgens weckte ihn ein Sonnenstrahl und lockte ihn aus seinem Bett. Der Frühling war schon zu spüren, das erste Grün zeigte sich. Plötzlich höre er ein leises aber deutliches Knacken. Das Eis im vergessenen Teeglas begann zu tauen. Und als sich der erste Tropfen zeigte, hörte er auf einmal seine verlorene Melodie, das Musikstück, das traurig und fröhlich zugleich macht und die Menschen lachen und weinen lässt. Voller Freude setzte er sich an seinen Tisch und schrieb die Noten auf. Es war, als ob ein lange Zeit verschollener Freund heimgekehrt war. Die Dämonen und Drachen kamen nun nie wieder in seine Träume.
Die Melodie machte den Musiker aus dem Norden in der ganzen Welt bekannt und obwohl er schon seit vielen Jahren nicht mehr lebte, hatte ihn dieses Lied unsterblich gemacht…