Vor langer Zeit lebten in den tiefen nordischen Wäldern ein Mann und eine Frau gemeinsam mit ihrer Tochter Lina. Der Mann war Tischler und was er in den Monaten des Frühjahrs und des Sommers herstellte, verkaufte er im Herbst auf dem Markt in der Stadt. Er war ein sehr guter Handwerker und so fanden seine Holzarbeiten stets ihre Käufer. Vom Erlös konnte die kleine Familie bis zum nächsten Herbst gut leben und niemand musste Hunger leiden oder frieren. Seine Frau kümmerte sich liebevoll um das Haus und den Garten und war in der Heilkunde bewandert, sodass die Familie nur selten von Krankheiten heimgesucht wurde.
Ihre gemeinsame Tochter war, obwohl sie nicht zur Schule ging, ein recht kluges Kind. Alles, was sie wissen musste konnten ihr Vater und Mutter beibringen, sodass sie mit ihren 7 Jahren schon recht gut lesen, rechnen und schreiben konnte.
So lebten sie vom März bis September im Wald und im Winter zogen sie gemeinsam zu einem Onkel auf ein Gehöft im Tal. Vom Onkel sollte Lina demnächst ein wenig zaubern lernen, worauf sie sich schon sehr freute.
Lina saß an diesem Spätsommernachmittag allein am Bach und beobachtete das Spiel der Wellen, als sie plötzlich einen strahlend blauen Fisch erblickte. Er leuchtete so intensiv, dass sie sich geblendet abwenden musste. Schnell lief sie nach Hause, um ihrer Mutter davon zu erzählen. Diese erschrak fürchterlich und sagte Lina, wenn sie den Fisch wieder einmal sehen würde, sie ihn niemals berühren dürfe, da sie dann sofort sterben würde. Lina hielt es wie so oft für eine Gruselgeschichte ihrer Mutter. Mutter machte sich immer wieder Sorgen, wenn sie gemeinsam mit Vater nachts in den Wald ging, um Neumondholz zu schlagen. Dieses Holz nahm Vater besonders gern für seine Arbeiten, da es sich beim Bearbeiten nicht riss oder platzte.
Ein paar Tage später, Lina spielte wieder am Bach, erschien der blaue Fisch erneut. Sie hatte schon lange Mutters Warnung vergessen. Der Fisch schwamm zuerst nur ein wenig hin und her. Dann begann er zu sprechen und erzählte von einer wunderbaren, zauberhaften Welt, in der die Menschen auf Vögeln durch die Lüfte flögen und alles haben können, was sie sich wünschten.
Oh ja, dachte Lina, da möchte ich auch gern sein! Der blaue Fisch sprach, dass sie ihn nur an der Rückenflosse berühren solle und schon wäre sie dort. Einen Augenaufschlag später befand sich Lina mitten auf einer bunten Blumenwiese in einer fremden Stadt. In der Luft flogen tatsächlich Menschen auf Vögeln, die Häuser waren groß und hell, und alles leuchtete und strahlte in den schönsten Farben und Tönen.
Doch als Lina in die Gesichter der Menschen sah, war dort keine Freude zu sehen! Alle schauten mit finsterem Blick vor sich hin und niemand lächelte. Sie ging zu einem Spielplatz, auf dem einige Kinder waren. Hier gab es all das Spielzeug, was man sich nur vorstellen konnte. Es gab Rutschen, Schaukeln, Hüpfburgen und Sandkästen mit farbigem Sand. Jedes Kind der Welt müsste hier doch glücklich sein, dachte Lina. Doch sie hörte kein Lachen. Die Kinder saßen auf den Bänken und spielten mit seltsamen Kästchen, auf die sie stumm blickten. Niemand sprach mit dem anderen.
Verwirrt ging Lina weiter und kam an einer Gaststätte vorbei. Dort stand das leckerste Essen auf den Tischen und es duftete so phantastisch, dass Lina das Wasser im Mund zusammen lief. Doch auch hier waren nur Menschen mit finsteren Mienen zu sehen, die ohne Freude diese Köstlichkeiten aßen.
Soweit sie auch durch dieses Wunderland ging, überall traf sie nur traurige und freudlose Kinder und Erwachsene. Lina wurde sehr nachdenklich und fragte sich, was hier passiert sein muss. Man hat alles was man braucht und noch viel mehr…
In diesem Moment stieß sie mit einem alten Mann zusammen. Beide erschraken und mussten sofort herzlich lachen. Und obwohl sie den alten Mann noch nie gesehen hatte, kam er ihr seltsam vertraut vor.
Sie kamen ins Gespräch und Lina fragte ihn, warum diese Welt so komisch ist, warum alle Menschen, obwohl sie alles haben, so unzufrieden scheinen. Der alte Mann sagte, dass es wohl der Überfluss sei, dass jemand, der keine Wünsche und Träume mehr hat, auch nicht glücklich sein kann.
Die Menschen haben verlernt zu träumen. Ihre Herzen sind am Besitz erfroren!
Lass uns hier weggehen, sagte Lina zu dem Alten. Ja, antwortete er, ich bin vor vielen Jahren hierhergekommen, genau wie du. Und obwohl ich alles hier habe, was du dir vorstellen kannst, wollte ich schon so oft weg. Doch mir ist es nie gelungen. Mir fehlten einfach die Kraft und der Mut dazu. Bis heute. Komm, lass uns gehen.
Und wie die beiden in Richtung des Waldes gingen, wurde der Alte mit jedem Schritt jünger und jünger. Er verwandelte sich in einen Jungen in Linas Alter. Der Junge, der er vor vielen Jahren einmal gewesen sein muss. Am späten Nachmittag erreichten sie einen Bach, aßen ein paar Himbeeren und tranken Wasser. Du, sagte Lina, ich glaube ich kenne dich schon ewig. Ist das nicht seltsam?
In diesem Moment erschien im Bach der blaue Fisch und schaute die Beiden an. Fisch, sagte Lina, bring uns bitte wieder zurück nach Hause! Hat sie dich endlich gefunden? fragte der Fisch den Jungen. Und noch ehe der Junge antworten konnte, waren beide in Linas Welt angekommen. Es wurde schon dunkel und sie liefen schnell zum Haus der Eltern. Mutter und Vater hatten sich bereits große Sorgen gemacht, obwohl Lina eigentlich nur einen Nachmittag verschwunden war. Doch nun wurden beide Kinder mit Freudentränen empfangen.
Und in dieser Nacht erfuhr Lina, dass der Junge kein anderer war als ihr verschwundener Bruder Finn. Er war genau wie sie vor 10 Jahren dem blauen Fisch gefolgt und hatte in der anderen Welt 80 Jahre leben müssen, bis sie ihn gefunden hatte.
Doch nun durfte Finn wieder Kind sein und ein einfaches glückliches Leben gemeinsam mit seinen Eltern und Schwester Lina führen.