Sonntag, 22. August 2010

Der blaue Fisch

Vor langer Zeit lebten in den tiefen nordischen Wäldern ein Mann und eine Frau gemeinsam mit ihrer Tochter Lina. Der Mann war Tischler und was er in den Monaten des Frühjahrs und des Sommers herstellte, verkaufte er im Herbst auf dem Markt in der Stadt. Er war ein sehr guter Handwerker und so fanden seine Holzarbeiten stets ihre Käufer. Vom Erlös konnte die kleine Familie bis zum nächsten Herbst gut leben und niemand musste Hunger leiden oder frieren. Seine Frau kümmerte sich liebevoll um das Haus und den Garten und war in der Heilkunde bewandert, sodass die Familie nur selten von Krankheiten heimgesucht wurde.

Ihre gemeinsame Tochter war, obwohl sie nicht zur Schule ging, ein recht kluges Kind. Alles, was sie wissen musste konnten ihr Vater und Mutter beibringen, sodass sie mit ihren 7 Jahren schon recht gut lesen, rechnen und schreiben konnte.

So lebten sie vom März bis September im Wald und im Winter zogen sie gemeinsam zu einem Onkel auf ein Gehöft im Tal. Vom Onkel sollte Lina demnächst ein wenig zaubern lernen, worauf sie sich schon sehr freute.

Lina saß an diesem Spätsommernachmittag allein am Bach und beobachtete das Spiel der Wellen, als sie plötzlich einen strahlend blauen Fisch erblickte. Er leuchtete so intensiv, dass sie sich geblendet abwenden musste. Schnell lief sie nach Hause, um ihrer Mutter davon zu erzählen. Diese erschrak fürchterlich und sagte Lina, wenn sie den Fisch wieder einmal sehen würde, sie ihn niemals berühren dürfe, da sie dann sofort sterben würde. Lina hielt es wie so oft für eine Gruselgeschichte ihrer Mutter. Mutter machte sich immer wieder Sorgen, wenn sie gemeinsam mit Vater nachts in den Wald ging, um Neumondholz zu schlagen. Dieses Holz nahm Vater besonders gern für seine Arbeiten, da es sich beim Bearbeiten nicht riss oder platzte.

Ein paar Tage später, Lina spielte wieder am Bach, erschien der blaue Fisch erneut. Sie hatte schon lange Mutters Warnung vergessen. Der Fisch schwamm zuerst nur ein wenig hin und her. Dann begann er zu sprechen und erzählte von einer wunderbaren, zauberhaften Welt, in der die Menschen auf Vögeln durch die Lüfte flögen und alles haben können, was sie sich wünschten.

Oh ja, dachte Lina, da möchte ich auch gern sein! Der blaue Fisch sprach, dass sie ihn nur an der Rückenflosse berühren solle und schon wäre sie dort. Einen Augenaufschlag später befand sich Lina mitten auf einer bunten Blumenwiese in einer fremden Stadt. In der Luft flogen tatsächlich Menschen auf Vögeln, die Häuser waren groß und hell, und alles leuchtete und strahlte in den schönsten Farben und Tönen.

Doch als Lina in die Gesichter der Menschen sah, war dort keine Freude zu sehen! Alle schauten mit finsterem Blick vor sich hin und niemand lächelte. Sie ging zu einem Spielplatz, auf dem einige Kinder waren. Hier gab es all das Spielzeug, was man sich nur vorstellen konnte. Es gab Rutschen, Schaukeln, Hüpfburgen und Sandkästen mit farbigem Sand. Jedes Kind der Welt müsste hier doch glücklich sein, dachte Lina. Doch sie hörte kein Lachen. Die Kinder saßen auf den Bänken und spielten mit seltsamen Kästchen, auf die sie stumm blickten. Niemand sprach mit dem anderen.

Verwirrt ging Lina weiter und kam an einer Gaststätte vorbei. Dort stand das leckerste Essen auf den Tischen und es duftete so phantastisch, dass Lina das Wasser im Mund zusammen lief. Doch auch hier waren nur Menschen mit finsteren Mienen zu sehen, die ohne Freude diese Köstlichkeiten aßen.

Soweit sie auch durch dieses Wunderland ging, überall traf sie nur traurige und freudlose Kinder und Erwachsene. Lina wurde sehr nachdenklich und fragte sich, was hier passiert sein muss. Man hat alles was man braucht und noch viel mehr…

In diesem Moment stieß sie mit einem alten Mann zusammen. Beide erschraken und mussten sofort herzlich lachen. Und obwohl sie den alten Mann noch nie gesehen hatte, kam er ihr seltsam vertraut vor.

Sie kamen ins Gespräch und Lina fragte ihn, warum diese Welt so komisch ist, warum alle Menschen, obwohl sie alles haben, so unzufrieden scheinen. Der alte Mann sagte, dass es wohl der Überfluss sei, dass jemand, der keine Wünsche und Träume mehr hat, auch nicht glücklich sein kann.

Die Menschen haben verlernt zu träumen. Ihre Herzen sind am Besitz erfroren!

Lass uns hier weggehen, sagte Lina zu dem Alten. Ja, antwortete er, ich bin vor vielen Jahren hierhergekommen, genau wie du. Und obwohl ich alles hier habe, was du dir vorstellen kannst, wollte ich schon so oft weg. Doch mir ist es nie gelungen. Mir fehlten einfach die Kraft und der Mut dazu. Bis heute. Komm, lass uns gehen.

Und wie die beiden in Richtung des Waldes gingen, wurde der Alte mit jedem Schritt jünger und jünger. Er verwandelte sich in einen Jungen in Linas Alter. Der Junge, der er vor vielen Jahren einmal gewesen sein muss. Am späten Nachmittag erreichten sie einen Bach, aßen ein paar Himbeeren und tranken Wasser. Du, sagte Lina, ich glaube ich kenne dich schon ewig. Ist das nicht seltsam?

In diesem Moment erschien im Bach der blaue Fisch und schaute die Beiden an. Fisch, sagte Lina, bring uns bitte wieder zurück nach Hause! Hat sie dich endlich gefunden? fragte der Fisch den Jungen. Und noch ehe der Junge antworten konnte, waren beide in Linas Welt angekommen. Es wurde schon dunkel und sie liefen schnell zum Haus der Eltern. Mutter und Vater hatten sich bereits große Sorgen gemacht, obwohl Lina eigentlich nur einen Nachmittag verschwunden war. Doch nun wurden beide Kinder mit Freudentränen empfangen.

Und in dieser Nacht erfuhr Lina, dass der Junge kein anderer war als ihr verschwundener Bruder Finn. Er war genau wie sie vor 10 Jahren dem blauen Fisch gefolgt und hatte in der anderen Welt 80 Jahre leben müssen, bis sie ihn gefunden hatte.

Doch nun durfte Finn wieder Kind sein und ein einfaches glückliches Leben gemeinsam mit seinen Eltern und Schwester Lina führen.

Dienstag, 13. April 2010

Die Eiche und der Tod

Vor langer Zeit stand auf einem Hügel ein uralter Eichenbaum. Er war weit über 1000 Jahre alt und hatte Vieles kommen und gehen gesehen. In seiner Nähe befand sich ein Wald, in dem kein einziger Baum älter als er war. Er kannte den Wald als kleine und zarte Schonung und hatte ihn schon viele Male wachsen gesehen. Und er kannte die Männer, die hin und wieder ein paar Stämme aus dem Wald mitnahmen, um daraus Dinge herzustellen oder ein Haus zu wärmen. Doch ihn hatte man über die Jahrhunderte stets verehrt und geschont. In seinem Schatten hatten Kinder gespielt und Eicheln gesammelt, Liebenspaare sich geküsst und einsame Menschen ihr Leid geklagt. Er hat glückliche Zeiten erlebt und schwere mit Kriegen und Krankheiten. Er war mit den Jahren ein mächtiger und stolzer Baum geworden. Wenn ihm auch der Sturm hin und wieder ein paar Äste stahl und ein paar freche Kinder Zweige abrissen, so störte ihn das kaum. Ja, man konnte sagen, dass er das älteste Lebewesen weit und breit war.
Doch nun spürte er, dass es zu Ende ging und ihm wurde bei diesem Gedanken etwas bange.
Eines grauen Morgens im Spätherbst, er hatte schon alle Blätter dem Nordwind geschenkt, stand der Tod an seinen Wurzeln und wollte ihn zu sich holen. „Du weißt, dass es an der Zeit ist?“ sagte der Tod mit seiner eisigen Stimme. „Ja, nur es ist so, dass ich mich frage, ob es nicht doch noch etwas für mich zu tun gibt. Habe ich alles erledigt, was notwendig war?“ fragte der Eichenbaum die schwarze Gestalt. „Du hast den Menschen einen guten Dienst erwiesen. Hast mit deinen Wurzeln das Wasser im Boden gehalten, damit ihre Felder und Wiesen nie austrocknen, hast ihnen Schatten gespendet. Sie haben sich an dir erfreut. Vögel wohnten in deinem Geäst. Du gabst ihnen Schutz. Deine Aufgabe ist erfüllt. Nun lass es gut sein.“ sprach der Tod.
„Ich würde so gern weiterwachsen und noch größer werden“ sagte der Baum. „Es gibt kein ewiges Wachsen. Alles was wächst, kehrt irgendwann zu seinem Anfang zurück. Das Alte macht Platzt für das Neue. Deine Zeit ist vorbei. Darum bin ich hier.“
„Was ist, wenn ich gestorben bin, wo bin ich da?“ fragte der Baum. „Du verwandelst dich. Du verschwindest nicht wirklich, Du nimmst Abschied von deinem Leben als Baum und kommst zurück, irgendwann. Es gibt keinen Grund, ängstlich zu sein. Komm!“ Mit diesen Worten hob der Tod seine Hand.
„Warte, bitte! Noch eine letzte Frage: Was wird von mir bleiben, wenn ich nicht mehr bin?“ „Die Erinnerungen an dich und deine Kinder. Schau, allein in diesem Jahr sind viele deiner Früchte aufgegangen und manche werden ebenfalls zu stolzen Eichen heranwachsen, wie du eine warst. Durch deine Kinder bist du unsterblich geworden.“ Der Baum wurde sehr nachdenklich und ruhig. Die Angst war einer inneren Ruhe und Stille gewichen. Jetzt war er bereit.
„Also gut. Ich wünsche mir nur noch, dass aus meinem Stamm etwas Nützliches gemacht wird und meine Zweige den Menschen im Winter Wärme spenden.“ „Das ist ein guter Wunsch. Er wird dir erfüllt werden.“ Mit diesen Worten erhob sich die dunkle Gestalt und begann mit ihrer Aufgabe.
Man sah ein mildes Licht emporsteigen, welches sich immer schneller in Richtung der aufgehenden Sonne entfernte.

Die Frau aus Holz

In einem kleinen Wäldchen am Fuße des großen Berges wohnte einst ein junger Zwergenmann. Tagein tagaus hatte er in seinem Bergwerk zu tun, suchte nach Goldadern und Edelsteinen, eben Sachen, die Zwerge so tun…
Obwohl ihm seine Arbeit viel Freude bereitete und er dadurch auch Einiges an Wohlstand erreicht hatte, war er mit seinem Leben unzufrieden. Irgendetwas fehlte, oder besser gesagt, Irgendjemand. Eines Abends im Spätsommer saß er mit ein paar Freunden aus dem Dorf im Wirtshaus, aß ein Fischlein und genoss das gute Waldpilzbier. Die Freunde bemerkten, dass unser Zwerg melancholisch aus dem Fenster schaute und nachdachte. „Ich glaube, ich weiß was Dir fehlt. Du brauchst eine liebe Frau, die Dich aufmuntert und zum Lachen bringt!“ sagte der kleinste Zwerg am Tisch. „Ja, so eine die richtig gut kochen kann und mit der du kuscheln und streiten, tanzen und feiern kannst, wie meine Frau!“ sagte laut lachend der dickste Zwerg am Tisch und gab seiner Frau einen dicken Kuss auf die Wange. „Ach ich bin glücklich so wie es ist. Außerdem welche will mich schon! “ erwiderte der Zwergenmann, nahm seine Mütze und ging ohne sich zu verabschieden nach Hause.
In dieser Nacht konnte er nicht schlafen und als der Mond zum Fenster hereinschien, hatte er eine Idee. Obwohl es noch mitten in der Nacht war, sprang er aus dem Bett, zog sich an und lief mit seiner Axt in der Hand in den Wald. Bald hatte er gefunden, was er suchte: Ein Baumstamm, so groß und kräftig wie er. „Ja, du sollst meine Frau sein!“ sprachs und packte sich den Stamm auf die Schultern. War unser Zwergenmann jetzt verrückt geworden? Nein! Zu Hause angekommen, suchte er seine Schnitzmesser herbei und begann mit der Arbeit. Und als die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume fielen, war das Werk vollbracht: eine wunderschöne Zwergenfrau aus Fichtenholz stand vor ihm. Nun war er nicht mehr allein.
Nachdem er die Figur liebevoll bemalt hatte, stellte er sie in seinen kleinen Garten. Beim Nachhausekommen sagte er: „Guten Tag, liebe Frau! Wie war dein Tag?“ Und beim Verlassen rief er ihr einen Abschiedgruß zu. Doch so richtig glücklich war er immer noch nicht. Richtig! Sie konnte ja nicht antworten, weil sie nicht lebendig war. Also ging er zu seiner Bekannten, der Hexe Helena.
Helena war eine recht junge und liebe Hexe, großzügig und herzlich in ihrer Art, aber auch manchmal etwas durcheinander. Natürlich half sie unserem Zwergenmann und gab ihm auch ein grünes Pulver mit, welches er bei Sonnenuntergang auf die Holzfrau streuen sollte. „Aber denke daran, nicht eher, sonst wird sie eine böse Frau!“
Der Zwerg tat, wie Helena es ihm gesagt hatte. Das Wunder gelang und mit viel Geknack und Geknirsch bewegte sich die Holzfrau. „Na hallo, meine Schöne! Ich freu mich so, jetzt ein lebendiges Wesen in meinem Haus zu haben. Lass uns was leckeres zusammen kochen!“ Mit ungelenken Bewegungen bewegte sich das Holzwesen zum Herd und begann allerlei Unrat in einen Topf zu werfen. „Was tust du da?“ fragte der Zwerg entsetzt. „Ich koche. Du hast doch Hunger!“ Knarrte die Frau zurück. „Gut, das zeige ich dir dann ein andermal. Lass uns schlafen gehen.“ Seufzte der Zwerg traurig. Sie lagen zusammen in des Zwergen Bett, und als er sich an sie kuscheln wollte, stieß er sich sein Knie ein. „Aua, du bist aber hart!“ „Das ist eben so bei Holz.“ Antwortete die Holzfrau ungerührt.
Am nächsten Morgen wollten die beiden zusammen frühstücken. Doch die Holzfrau saß nur stumm auf ihrem Stuhl und schaute auf den Tisch. „Das war auch mal ein Baum. Genau wie ich. Ich möchte nicht deine Frau sein. Bitte lass mich einfach wieder ein Stück Holz sein.“ Sprach die Frau mit ihrer knarrenden Stimme. Nach langem Überlegen sprach der Zwerg, „Du hast Recht. Es war eine dumme Idee von mir. Wie kann ein Holzwesen wie du ein Herz haben. Wie kannst du mich vielleicht sogar lieben?“ sprach der Zwerg tief traurig, während er das Haus verließ.
Nachdem er seine Arbeit im Bergwerk getan hatte, begab er sich erneut zur Hexe Helena.
„Es hat nicht funktioniert!“ „Was ich habe dir das falsche Pulver gegeben? Ich habe doch ganz genau wie es in diesem Buch steht die Zutaten…“ jammerte Helena aufgebracht. „Nein, es war keine gute Idee. Ich kann mich nicht in ein Stück Holz verlieben! Gib mir bitte den Gegenzauber!“ Helena gab ihm ein rotes Pulver mit, welches er diesmal bei Sonnenuntergang anwenden sollte, damit das Holzwesen wieder eine einfache Holzfigur werden konnte.
Er tat alles so, wie es ihm gesagt wurde. Nur ein leises „Danke!“ konnte er von der Holzfrau noch vernehmen. Dann wurde es still im Haus. Lange dachte er nach. „Wenn du mir schon keine Liebe schenken konntest, dann spende mir wenigstens Wärme in der Nacht!“ sprachs und trug die Figur zum Holzbock, wo er sie mit wenigen kräftigen Schlägen zu Brennholz spaltete.
Er machte sich ein Feuer vor seinem Haus und blickte traurig in die Flammen. Leise knisternd stiegen die Funken in den Himmel auf und als er schon halb im schlaf war, hörte er noch einmal die Stimme der Frau aus Holz. „Du wirst bald glücklich sein, sehr bald…“
Und während ihn ein paar kleine Tränen aus den Augen liefen, schlief er tief und fest auf seiner Gartenbank ein.
Der Morgen kam und unser Zwerg wurde durch einen angenehmen Duft geweckt. Pilzkaffee! Den hatte er so lange nicht mehr gehabt! Aber wer hatte ihm…
Er schlug die Augen auf und vor ihm stand eine wunderhübsche zierliche Zwergenfrau, die er schon einige Male im Dorf gesehen hatte. „Du warst zu lange allein und da dachte ich…“
Wie die Geschichte weiterging, weiß ich nicht. Doch ich glaube, die beiden wurden ein glückliches Paar und lebten noch viele viele Jahre zusammen.

Vom Blümchen das nicht wachsen wollte

Kurz nachdem die wärmenden Sonnenstrahlen des noch jungen Jahres das Eis zum Schmelzen brachte und die ersten grünen Fleckchen hervortraten, erwachte wieder das Leben auf der Wiese. Der Winter war lang und hart und die Tiere und Pflanzen freuten sich auf die kommende Zeit. Die ersten Schneeglöckchen zeigten sich und ein paar Gräser richteten sich wieder auf. Insekten krochen aus Ihren Verstecken und wurden oftmals sogleich die leichte Beute hungriger Vögel.
So kam das Frühjahr heran und überall begann es zu wachsen und zu blühen. Überall auf der Wiese begannen Blumen zu wachsen. Nur eine Blume hat so gar nicht Lust, Ihren Kopf zu recken und Sonne zu tanken, und fleißig zu wachsen. Es war einfach zu faul. Stattdessen schnatterte es mit den kleinen Moosblüten in der Nähe ihrer Wurzeln herum und wollte auch niht die Ermahnungen der anderen Blumen hören. „Wenn du nicht wachsen willst, dann wird es noch ein schlimmes Ende mit dir nehmen!“ warnten sie die anderen. Doch unserer faulen Blume war das gleich.
Die Zeit verging und die Blumen wurden größer und prächtiger. Einige von ihnen waren besonders groß, denn sie waren Sonnenblumen. Und während es den anderen Blumen wunderbar ging, fühlte sich die faule Blume immer schlechter und schwächer. „Dir fehlt das Sonnenlicht! Schade, du hättest auch so eine schöne große Sonnenblume werden können, wie die anderen. Aber so wird dich der Gärtner als welkes, krankes Ding bald herausreissen.“ Meinte ein Marienkäfer, der gerade durch die Wiese lief. „Aber was soll ich denn tun? Ich will doch nicht sterben! Du musst mir doch helfen!“ „Ich kann dir nicht helfen, das kannst du nur alleine schaffen. Frag heute Nacht die Glühwürmchen. Vielleicht haben die eine Idee.“
Die Nacht brach an und mit ihr begann auch der Tanz der Glühwürmchen. Und als sich eines bei unserem traurigen Blümchen verirrte, fragte sie es. „Das ist gut, dass du deine Faulheit bereust. Du spürst ja, was es dir eingebracht hat. Aber du hast Glück, wir haben Vollmond. Sieh immer auf den Mond! Spüre, wie er dich zu sich herauf zieht! Das wird dir helfen.“ Sprach das Glühwürmchen und war verschwunden, ehe das Blümchen sich bedanken konnte.
„Also gut!“ sagte sich das Blümchen. „Ich schaffe das!“ Es schaute auf zum Mond und nach einer Weile spürte es, wie es in ihm kribbelte und krabbelte, so als ob tausend Ameisen durch sie hindurch marschieren würden. Es begann zu wachsen, zuerst nur ein kleines Stück, aber dann immer schneller und schneller. Und es wuchs unglaublich schnell. Während die anderen Blumen schliefen, wuchs es über deren Köpfe hinaus, war bald größer wie die größte Sonnenblume im Garten, größer als die Bäume. Und es wuchs weiter und weiter. Der Mond wurde immer größer, je näher es ihm kam. Es war ein wunderbares Gefühl zu wachsen. Und bald reichte es bis zum Mond.
„Was machst du hier? Gehörst du nicht auf die Erde?“ fragte der Mond erstaunt. „Ich stehe mit meinen Wurzeln unten auf der Erde und mein Blütenkelch ist jetzt bei dir hier oben. Ich möchte mich bedanken, daß du mir das Leben gerettet hast.“ „Ich habe nichts getan. Ich leuchte schon immer, aber nur wenn die Sonne mich anstrahlt. Sonst bin auch ich dunkel. Und das mit dem Wachsen, gut, etwas geholfen habe ich dir. Ich hatte dich beobachtet und du tatest mir leid. Aber das meiste hast du ganz alleine geschafft. Du kannst wirklich stolz auf dich sein. Das kommt höchstens aller 100 Jahre einmal vor, dass eine Blume bis zu mir hochwächst. Doch es ist jedes Mal schön.“ „Und jetzt? Was passiert jetzt?“ „Jetzt wirst du wieder kleiner.“ Nein! Das möchte ich nicht!“ „Ach, du wirst nur wieder so klein, wie die größte Sonnenblume in deinem Garten. Die anderen werden staunen, wenn sie am Morgen erwachen.“
Und so war es denn auch. Keiner hatte von dem Wunder in der Nacht etwas mitbekommen. Aber alle staunten und freuten sich, dass unser faules Blümchen sich doch noch entschlossen hatte, groß und stark zu werden.

Der fliegende Phillip und die singenden Raben

Wieder einmal waren Ferien. Phillip saß auf der Wiese und untersuchte mit seiner Lupe den Boden nach Käfern, kleinen Spinnen und anderen Insekten. Da merkte er ein leichtes Piksen an seinem Rücken. Und als er sich umdrehte, war hinter ihm sein Freund der Rabe, welcher ihm im vorigen Sommer das Fliegen mit Kiefernzapfen beigebracht hatte. „Ach du bist! Und ich dachte schon, jetzt hat mich so eine blöde Bremse gestochen!“ „Na, ich habe dich hier sitzen sehen und wollte dich nicht erschrecken. Da dachte ich…“ antwortete der Rabe. „Das kommt raus, wenn Raben denken!“ lachte Phillip „Aber es ist schön, daß du mich wieder mal besuchen kommst. Was hast du denn so lange gemacht?“ „Du kennst doch noch meine Freundin. Und wir haben jetzt fünf Kinder. Und das ist bei uns Raben auch sehr viel. Du glaubst gar nicht, wie hungrig die sind! Den ganzen Tag fliege ich herum, um Futter zu beschaffen. Meine Frau kümmert sich um das Nest und um die Ausbildung und jetzt wollen die Kinder auch noch singen lernen. Stelle dir das einmal vor! Meine Kinder wollen singen! Wir Raben können krächzen und manchmal sprechen, aber singen können doch höchstens Nachtigallen und…“ lamentierte der Rabe aufgeregt. „Warte mal. Das ist ja verrückt. Deine Kinder möchte ich mal kennen lernen. Du, was hältst du davon, wenn wir morgen zusammen zu deinem Nest fliegen und du mir deine Familie zeigst und vielleicht kann ich euch helfen. Nein, ich werde euch helfen! Ich bringe deinen Kindern das Singen bei!“ rief Phillip voller Vorfreude.
Am nächsten Tag, Mama und Papa waren auf Arbeit, kam der Rabe pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt zur Wiese geflogen. Und bereits nach kurzer Zeit sah man einen kleinen Jungen gemeinsam mit einem Raben in Richtung Wald fliegen. Dort angekommen, stellte der stolze Rabenvater Phillip seine Kinder und seine Frau vor. „Phillip du glaubst gar nicht, wie anstrengend es ist den ganzen Tag mit dieser Rasselbande zusammen zu sein. Alles muss ich dreimal sagen und ständig gibt es was. Entweder schubst die Große den Kleinsten aus dem Nest, oder sie rupfen sich gegenseitig die Federn aus…“ erzählte erregt die Rabenmutter. „Wie meine Mutter!“ seufzte Phillip in Richtung der Rabenkinder. „Die wollen doch nur spielen!“ Darauf lachten die Rabenkinder so laut, dass die anderen Vögel in der Nähe davonflogen.
„Gut, ihr wollt also wirklich singen lernen?“ fragte Phillip ungläubig. „JAAAAAAAAAAAAA!“ krächzte es ihm aus 5 Rabenhälsen entgegen. Und es hörte sich nicht wirklich gut an. „Dürfen wir auch ein paar Freunde mitbringen? Büüüüüütttttteeeeee!“ bettelte der Kleinste und hielt sein Köpfchen leicht schräg dabei. „Meinetwegen, das wird wahrscheinlich schwierig, aber bestimmt auch sehr lustig. Kommt einfach morgen Vormittag zu mir auf die Wiese und dann fangen wir zu üben an. Ich denke mir was Lustiges für euch aus…“
Am nächsten Tag trafen sich alle auf der Wiese. Phillip war bereits da, als er auf einmal eine schwarze Wolke heranziehen sah. Hunderte Rabenvögel flogen durch die Luft und landeten auf seiner Wiese. Plötzlich war es ganz still und nur der Sommerwind wehte leise durch die Bäume. Hunderte Augenpaare waren auf Phillip gerichtet und alle Rabenkinder warteten darauf, dass es losginge. „Also, schön dass ihr gekommen seid. Ich wusste gar nicht, dass so viele Raben singen lernen wollen. Ich habe mir überlegt, wir lernen zusammen ein einfaches Lied. Was haltet ihr von ,Alle meine Entchen‘ ?“ fragte Phillip in die Runde. „Enten sind fett und doof!“ „Die haben so komische Schnäbel!“ „Ich kann Enten auch nicht leiden. Die schnattern so!“ Kam es als Antwort zurück. „Also ich finde Enten schön. Und außerdem haben sie so bunte Federn.“ Sagte Phillip. „Aber gut, dann nehmen wir von dem Lied nur die Melodie und singen einen anderen Text. Ich hab mir da mal gestern was ausgedacht:
Alle meine Raben singen laut im Gras,
singen laut im Gras.
Klingt´s auch ziemlich schrecklich,
macht es doch viel Spaß.“
„Ja, das wollen wir singen!“ „Das ist lustig!“ „Unser Rabenlied, hurra!“ riefen die Rabenkinder ihm zu.
Also begann Phillip mit den Raben zu üben. Zuerst einzelne Töne und später kleine Melodiefolgen. Es sollte sich schwieriger als gedacht erweisen, weil Raben keine Sänger sind, doch alle hatten richtig viel Freude und gaben sich unglaublich Mühe. So wurde es Nachmittag und unser Rabenchor klang schon recht gut. Ein hundertfaches melodisches Krächzen schallte über die Wiese. Man kann es nicht beschreiben, man musste es gehört haben.
„Meine Eltern! Ihr müsst verschwinden! Sofort!“ Das Auto von Phillips Eltern stand schon auf dem Hof. Gleich würden sie hinters Haus auf die Wiese kommen! Wie auf ein Kommando erhoben sich alle Raben und flogen im Schwarm zurück zum Wald. „Phillip, mein Großer!“ kam Mama auf ihn zu um ihm zu umarmen. „Hast du die vielen Krähen gesehen?“ „Das waren Rabenkinder. Ähm, nein, warum?“ stotterte Phillip. „Na das waren so viele. Egal, was machen wir heute zum Abendbrot? Hilfst du mir?“ Mama hatte es schon wieder vergessen und hatte schon wieder andere Dinge im Kopf. Eltern!
In der Nacht klopfte es an Phillips Fenster. Draußen saß der Rabe und wollte herein. „Meine Kinder und ihre Freunde sind begeistert von dir und ich bin dir sehr dankbar! Du bist ein richtiger Freund! “ „Das hat mir auch richtig Spaß gemacht. Ich bin jetzt Leiter von Rabenchor!“ „Und darum wollen wir morgen Nachmittag für dich ein kleines Konzert geben. Es werden noch ein paar unserer Freunde mitkommen. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich?“ fragte der Rabe. „Ja klar, das wird bestimmt lustig.“
Den ganzen Tag wartete Phillip ungeduldig auf seine schwarzen Freunde und als diese pünktlich angeflogen kamen, traute er seinen Augen nicht. Nicht hunderte sondern abertausend Vögel müssen es gewesen sein! Der wolkenfreie blaue Sommerhimmel wurde auf einmal schwarz und ein unheimliches Rauschen und Krächzen erfüllte die Luft. Als endlich alle Vögel auf der Wiese gelandet waren, stand Phillip vor einem großen schwarzen Feld von Raben. Ihm wurde etwas bange. Doch zum Glück kam sein Freund der Rabe auf ihn zu und sagte:“ Wir haben da etwas vorbreitet. Wir singen dein Rabenlied alle zusammen. Also die, die singen können. Und wir haben uns ein paar weitere Strophen dazu ausgedacht. Ich hoffe, es gefällt dir.“
In diesem Moment begann der seltsame Chor das Lied zu singen, oder besser: zu krächzen. Es klang so, als ob tausend heißere Kinder singen, aber es war „Gesang“. Das Lied ging viele viele Strophen, die ich hier alle gar nicht aufschreiben kann. Und vielleicht fällt Dir eine weitere ein?
Als die Eltern an diesem Tag nach Hause kamen, waren die Vögel gerade weggeflogen. Nur wunderte man sich im Dorf über diesen riesengroßen Vogelschwarm, machte sich aber, wie so oft, keine größeren Gedanken und ging wieder den alltäglichen Dingen nach.

Sonntag, 31. Januar 2010

Die verlorene Melodie

Es lebte vor langer Zeit in einem Dorf im Norden ein Musiker. Er war kein bekannter Musiker und, obwohl er keine Noten lesen und schreiben konnte, ein sehr guter. Immer wenn es ein Fest in der Gegend zu feiern gab, lud man ihn ein, um seine Musik zu hören. Er spielte viele bekannte Lieder aus alten Zeiten und die Menschen liebten ihn für seine wunderbare Musik, tanzen und klatschten mit. Manchmal trug er selbst komponierte Stücke vor, welche seinem Publikum besonders gut gefielen. Er war in seiner Gegend ein vielbeschäftigter Mann. Das ganze Jahr über gönnte er sich kaum eine Pause und nur im tiefen Winter fand er die wohlverdiente Ruhe. In dieser Zeit schlief er viel und manchmal kam ihm eine Idee für ein neues Musikstück.

So ging es Jahr um Jahr.

So saß er eines kalten Winterabends an seinem Klavier und spielte auf den Tasten umher, als ihm plötzlich eine wundervolle Melodie in den Sinn kam, die fröhlich und traurig zur gleichen Zeit war und tief berührte. Während er sie immer und immer wieder spielte, weinte und lachte er zugleich, spielte sie viele Male und sie wurde bei jedem Spiel schöner und prachtvoller. Unser Musiker vergaß die Welt um sich herum, selbst als die Kerze in seinem Zimmer heruntergebrannt war und das Feuer im Kamin erloschen, konnte er nicht aufhören zu spielen. Erst in den Morgenstunden, als ihn die Finger vor Kälte steif wurden, beschloss er schlafen zu gehen. Und er träumte einen seltsamen Traum, kämpfte darin mit Drachen und Dämonen, die Ihm seine Musik stehlen wollten. Erst gegen Nachmittag des folgenden Tages erwachte er in seinem eiskalten Häuschen. Das Feuer war erloschen und es fror ihm bitter. Selbst der Tee auf dem Fensterbrett war eingefroren.
Doch was war passiert? Hatten es die Traumdämonen geschafft, ihm sein Lied zu stehlen? Er versuchte die Melodie zu pfeifen, zu summen auf dem Klavier zu spielen, aber es gelang ihm nicht. Er versuchte sich zu erinnern, spielte den ganzen Abend, suchte die Töne. Nichts!

Am Tag nach einer unruhigen Nacht beschloss er den Nachbarn zu fragen. Doch dieser hatte ihm zwar spielen hören, fand die Melodie wundervoll, konnte sich aber auch nicht mehr an sie erinnern. Der Musiker fragte den Rabe und obwohl der Rabe immer auf der alten Eiche vorm Haus sitzt und jedes seiner Stücke kannte, so konnte er ihm dieses Mal nicht helfen. Auch er konnte sich an die Melodie nicht erinnern.
In dieser Nacht träumte er erneut von den Drachen und Dämonen. Diese fauchten und lachten in seinem Traum und verspotteten ihn, weil er seine Melodie sich so einfach hat stehlen lassen. Aufschreiben hätte er sie sollen. Aber so, spotten die Drachen und die Dämonen lachten schauerlich.
Davon erwachte unser Musiker schweißgebadet und beschloss, das Notenschreiben zu lernen. Es war zwar schwierig, aber er gab sich unendlich viel Mühe und sein Lehrer zeigte viel Geduld mit ihm.

So erlernte er das Notenlesen und Schreiben nach wenigen Wochen.

Der Winter ging zu Ende und der Schnee begann zu schmelzen. Unser Musiker saß am Klavier und komponierte. Es waren viele lustige Stücke dabei, Spottlieder auf den König und dessen Hof, traurige Lieder über das Leben der einfachen Leute. Die Arbeit bereitete ihm besondere Freude, weil es nun all seine Ideen festhalten konnte und sich nicht mehr nur merken musste. Doch die eine Melodie aus jener Nacht kam ihm nicht mehr in den Sinn.
Eines Morgens weckte ihn ein Sonnenstrahl und lockte ihn aus seinem Bett. Der Frühling war schon zu spüren, das erste Grün zeigte sich. Plötzlich höre er ein leises aber deutliches Knacken. Das Eis im vergessenen Teeglas begann zu tauen. Und als sich der erste Tropfen zeigte, hörte er auf einmal seine verlorene Melodie, das Musikstück, das traurig und fröhlich zugleich macht und die Menschen lachen und weinen lässt. Voller Freude setzte er sich an seinen Tisch und schrieb die Noten auf. Es war, als ob ein lange Zeit verschollener Freund heimgekehrt war. Die Dämonen und Drachen kamen nun nie wieder in seine Träume.
Die Melodie machte den Musiker aus dem Norden in der ganzen Welt bekannt und obwohl er schon seit vielen Jahren nicht mehr lebte, hatte ihn dieses Lied unsterblich gemacht…

Freitag, 28. August 2009

Es geht los: Der fliegende Phillip

Mist, irgendwo muß sie doch sein! So langsam wurde Papa unruhig. Er suchte nun schon den ganzen Vormittag auf Opas Dachboden.Sie ist doch wohl nicht bei der letzten Entrümpelung weggekommen? Das wäre traurig, mehr als traurig!
Damals, als er noch ein kleiner Junge war, hatten Opa und er oft Stunden mit ihr verbracht. Der Fernseher und das Radio waren aus und beide hatten es sich gemütlich gemacht. Sie lauschten dem leisen Ticken und Surren der alten Zahnräder und Federn und hörten mit geschlossenen Augen der sanften Stimme, die so unendlich viele Geschichten erzählte, jede neu und wie aus einer anderen Welt, der Welt der Phantasie...

Doch die Maschine ließ sich einfach nicht finden, so sehr er auch die Kisten, Kartons und alten Schränke durchsuchte. Selbst Opa wußte nicht mehr, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Er wußte nur noch, daß die Erzählmaschine an diesem letzten gemeinsamen Abend die Geschichte von der jungen Hexe Helena erzählte, welcher unter ihrem Hexenkessel das Feuer ausging...

So setzten sich Opa und Papa gemeinsam auf eine alte verstaubte Kiste und Opa begann eine fast vergessene Geschichte der Maschine zu erzählen...

"Weißt du, als du noch ein kleiner Junge warst, saßen wir eines Abends - ich glaube es war Sommer und es war ganz angenehm warm - zusammen mit Mama auf der Terrasse. Auf dem Tisch stand eine Kerze und Limonade. An diesem Tag hatte ich die Erzählmaschine erst wieder mit neuem Erzählsand gefüllt. Du weißt bestimmt noch, daß für jedes Märchen und jede Geschichte ein Sandkörnchen gebraucht wurde, denn in Allem steckt ein Körnchen Wahrheit.

Ich hatte die Maschine angeschaltet und mit ihrer etwas metallischen, aber ruhigen und angenehmen Stimme hat sie glaube ich Folgendes erzählt..."

                                                ***

1. Die Geschichte vom fliegenden Phillip

Phillip hatte Ferien und genoß den Tag. Mama und Papa waren einige Zeit unterwegs und er war nun allein. Schön war es auf der Wiese im Gras zu liegen und die Käfer zu beobachten. Diesen Schmetterling dort kannte er: ein Admiral. Die mochte er besonders. Wie schön wäre es doch fliegen zu können! Wie der Schmetterling oder noch besser wie ein Vogel. Am besten ganz weit nach oben und auf einer Wolke reiten. Das wär´s !

Ein Rabe landete ein Stück von ihm im Gras und suchte sich seinen Mittagswurm. "Ach wenn ich doch wie du einfach so überall herumflattern könnte..." dachte Phillip. "Dann würde ich mit dir um die Wette fliegen. Du hast´s gut, Rabe!". "Dann flieg doch mit mir!" hörte Phillip eine krächzende Stimme. "Na komm, ich hab Zeit." "Kannst du etwa sprechen?" fragte Phillip ungläubig. "Nichts leichter als das. Ich kann sogar deine Gedanken hören. Wir Raben sind nicht umsonst die schlausten Vögel der Welt." "Oller Angeber", dachte Phillip und schaute den Raben verächtlich an. "Ich hab´s gehöhört!" lachte der Rabe krächzend. "Gut, pass auf: es gibt da so einen kleinen Zaubertrick. Nimm diese zwei Kiefernzapfen, die da vorn im Gras liegen." Und was soll ich damit?" "Nimm in jede Hand einen, schließe deine Hände und sprich mir nach: B*+***#'+#+". Leider sprach der Rabe den Zauberspruch so leise, daß nur unser Phillip ihn hören konnte. "Was denn, so einfach ist das?" "Naja, jetzt bewegst du noch deine Arme wie ein Vogel und dann sollte es auch schon klappen."

Und wirklich, Phillip hob ganz sanft vom Boden ab und flog höher und höher. "Ich bin ein Vogel, ein richtiger Vogel!" "Naja wenn du federn hättest und so einen schönen Schnabel wie ich, dann würde ich es ja einsehen, aber so?" "Warte du, ich fang dich jetzt, du oller Rabe!" lachte Phillip und flatterte mit seinen beiden Kiefernzapfen in der Hand dem Raben hinterher. Doch dieser ließ sich einfach nicht fangen. nur zum Schein wurde er langsamer, sodaß Phillip bis auf ein paar Meter an ihn herankam. Doch einfangen ließ er sich nicht.

"Ich, ich kann nicht mehr!" rief Phillip."Dann lass uns doch auf dieser Wolke dort landen!"krächzte der Rabe "Geht denn das?" "Natürlich, alles geht, wenn du daran glaubst!"

Die beiden landeten in einer wunderschönen Schäfchenwolke und machten es sich gemütlich. Phillip genoß die Aussicht über seinem Ort. Dort unten, das Haus mit dem blauen Dach, dort wohnte er mit seinen Eltern. "Du, ich laß dich jetzt mal für ein paar Minuten allein. Ich sehe gerade da unten eine wunderschöne Rabendame. Ich, ich bin gleich wieder da." sprach der Rabe und verschwand. Doch so schnell kam der Rabe nicht wieder. Phillip wurde langweilig. Er schaukelte auf der Wolke hin und her und beobachtete ein Liebespaar, das sich gerade küsste. "Na wartet, jetzt regnet es Kiefernzapfen." sprach´s und warf die beiden Kiefernzapfen Richtung Erdboden. Aber getroffen hatte er die Beiden trotzdem nicht. "Verdammt, daneben!" fluchte Phillip. "Verdammt, wie komme ich jetzt wieder zurück!!!"durchfuhr es ihn plötzlich. Hatte er doch soeben seine beiden Flugzapfen weggeworfen!

Langsam wurde es dunkel. Doch der Rabe kam und kam nicht zurück.Dieser turtelte lustig mit seiner neuen Rabenfreundin herum und hatte einfach unseren Jungen vergessen. Phillip rief und rief. Es  vergingen Minuten, die ihm wie Stunden vorkamen...

"Sag mal mein Freund: Hörst du das auch von da oben?" bemerkte auf  einmal des Raben neue Freundin. "Ups, da habe ich doch glatt etwas vergessen."

Die beiden Vögel saussten so schnell sie konnten nach oben zur Wolke und Phillip berichtete ihnen unter Tränen von seinem Missgeschick. Gleich darauf flogen die zwei Raben los und schon nach wenigen Minuten kamen sie zurück, jeder Vogel einen Zapfen im Schnabel. Phillip wollte schon losflattern und wäre fast von der Wolke gestürzt. Da erinnerte ihn der Rabe an den Zauberspruch, den ich leider nicht nicht gehört habe.

"Jetzt aber schnell! Meine Eltern kommen dort hinten gerade zurück ins Dorf!" Mit Volldampf flogen unsere drei Freunde hinunter zur Erde, landeten sanft und leise. In diesem Moment kam auch schon Mama hinters Haus. Zum Glück hatte sie nicht von der Landung mitbekommen...

"Und, Phillip, war´s schön? Oder hast du dich gelangweilt?" "Ach Mama, mein Tag war ziemlich ok, hab viel Spaß gehabt, aber jetzt tun mir meine Arme weh von fli..."  ... Zum Glück fiel Phillip noch ein, daß Erwachsene an so etwas nicht mehr glauben. Also behielt er sein Erlebnis für sich.





                                                    ***

"Ja, so oder ähnlich hat das die Maschine uns damals erzählt" sagte Opa. "Weißt du was? Wir suchen einfach morgen noch einmal in Ruhe im Keller, vielleicht ist sie ja dort..."