Dienstag, 13. April 2010

Der fliegende Phillip und die singenden Raben

Wieder einmal waren Ferien. Phillip saß auf der Wiese und untersuchte mit seiner Lupe den Boden nach Käfern, kleinen Spinnen und anderen Insekten. Da merkte er ein leichtes Piksen an seinem Rücken. Und als er sich umdrehte, war hinter ihm sein Freund der Rabe, welcher ihm im vorigen Sommer das Fliegen mit Kiefernzapfen beigebracht hatte. „Ach du bist! Und ich dachte schon, jetzt hat mich so eine blöde Bremse gestochen!“ „Na, ich habe dich hier sitzen sehen und wollte dich nicht erschrecken. Da dachte ich…“ antwortete der Rabe. „Das kommt raus, wenn Raben denken!“ lachte Phillip „Aber es ist schön, daß du mich wieder mal besuchen kommst. Was hast du denn so lange gemacht?“ „Du kennst doch noch meine Freundin. Und wir haben jetzt fünf Kinder. Und das ist bei uns Raben auch sehr viel. Du glaubst gar nicht, wie hungrig die sind! Den ganzen Tag fliege ich herum, um Futter zu beschaffen. Meine Frau kümmert sich um das Nest und um die Ausbildung und jetzt wollen die Kinder auch noch singen lernen. Stelle dir das einmal vor! Meine Kinder wollen singen! Wir Raben können krächzen und manchmal sprechen, aber singen können doch höchstens Nachtigallen und…“ lamentierte der Rabe aufgeregt. „Warte mal. Das ist ja verrückt. Deine Kinder möchte ich mal kennen lernen. Du, was hältst du davon, wenn wir morgen zusammen zu deinem Nest fliegen und du mir deine Familie zeigst und vielleicht kann ich euch helfen. Nein, ich werde euch helfen! Ich bringe deinen Kindern das Singen bei!“ rief Phillip voller Vorfreude.
Am nächsten Tag, Mama und Papa waren auf Arbeit, kam der Rabe pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt zur Wiese geflogen. Und bereits nach kurzer Zeit sah man einen kleinen Jungen gemeinsam mit einem Raben in Richtung Wald fliegen. Dort angekommen, stellte der stolze Rabenvater Phillip seine Kinder und seine Frau vor. „Phillip du glaubst gar nicht, wie anstrengend es ist den ganzen Tag mit dieser Rasselbande zusammen zu sein. Alles muss ich dreimal sagen und ständig gibt es was. Entweder schubst die Große den Kleinsten aus dem Nest, oder sie rupfen sich gegenseitig die Federn aus…“ erzählte erregt die Rabenmutter. „Wie meine Mutter!“ seufzte Phillip in Richtung der Rabenkinder. „Die wollen doch nur spielen!“ Darauf lachten die Rabenkinder so laut, dass die anderen Vögel in der Nähe davonflogen.
„Gut, ihr wollt also wirklich singen lernen?“ fragte Phillip ungläubig. „JAAAAAAAAAAAAA!“ krächzte es ihm aus 5 Rabenhälsen entgegen. Und es hörte sich nicht wirklich gut an. „Dürfen wir auch ein paar Freunde mitbringen? Büüüüüütttttteeeeee!“ bettelte der Kleinste und hielt sein Köpfchen leicht schräg dabei. „Meinetwegen, das wird wahrscheinlich schwierig, aber bestimmt auch sehr lustig. Kommt einfach morgen Vormittag zu mir auf die Wiese und dann fangen wir zu üben an. Ich denke mir was Lustiges für euch aus…“
Am nächsten Tag trafen sich alle auf der Wiese. Phillip war bereits da, als er auf einmal eine schwarze Wolke heranziehen sah. Hunderte Rabenvögel flogen durch die Luft und landeten auf seiner Wiese. Plötzlich war es ganz still und nur der Sommerwind wehte leise durch die Bäume. Hunderte Augenpaare waren auf Phillip gerichtet und alle Rabenkinder warteten darauf, dass es losginge. „Also, schön dass ihr gekommen seid. Ich wusste gar nicht, dass so viele Raben singen lernen wollen. Ich habe mir überlegt, wir lernen zusammen ein einfaches Lied. Was haltet ihr von ,Alle meine Entchen‘ ?“ fragte Phillip in die Runde. „Enten sind fett und doof!“ „Die haben so komische Schnäbel!“ „Ich kann Enten auch nicht leiden. Die schnattern so!“ Kam es als Antwort zurück. „Also ich finde Enten schön. Und außerdem haben sie so bunte Federn.“ Sagte Phillip. „Aber gut, dann nehmen wir von dem Lied nur die Melodie und singen einen anderen Text. Ich hab mir da mal gestern was ausgedacht:
Alle meine Raben singen laut im Gras,
singen laut im Gras.
Klingt´s auch ziemlich schrecklich,
macht es doch viel Spaß.“
„Ja, das wollen wir singen!“ „Das ist lustig!“ „Unser Rabenlied, hurra!“ riefen die Rabenkinder ihm zu.
Also begann Phillip mit den Raben zu üben. Zuerst einzelne Töne und später kleine Melodiefolgen. Es sollte sich schwieriger als gedacht erweisen, weil Raben keine Sänger sind, doch alle hatten richtig viel Freude und gaben sich unglaublich Mühe. So wurde es Nachmittag und unser Rabenchor klang schon recht gut. Ein hundertfaches melodisches Krächzen schallte über die Wiese. Man kann es nicht beschreiben, man musste es gehört haben.
„Meine Eltern! Ihr müsst verschwinden! Sofort!“ Das Auto von Phillips Eltern stand schon auf dem Hof. Gleich würden sie hinters Haus auf die Wiese kommen! Wie auf ein Kommando erhoben sich alle Raben und flogen im Schwarm zurück zum Wald. „Phillip, mein Großer!“ kam Mama auf ihn zu um ihm zu umarmen. „Hast du die vielen Krähen gesehen?“ „Das waren Rabenkinder. Ähm, nein, warum?“ stotterte Phillip. „Na das waren so viele. Egal, was machen wir heute zum Abendbrot? Hilfst du mir?“ Mama hatte es schon wieder vergessen und hatte schon wieder andere Dinge im Kopf. Eltern!
In der Nacht klopfte es an Phillips Fenster. Draußen saß der Rabe und wollte herein. „Meine Kinder und ihre Freunde sind begeistert von dir und ich bin dir sehr dankbar! Du bist ein richtiger Freund! “ „Das hat mir auch richtig Spaß gemacht. Ich bin jetzt Leiter von Rabenchor!“ „Und darum wollen wir morgen Nachmittag für dich ein kleines Konzert geben. Es werden noch ein paar unserer Freunde mitkommen. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich?“ fragte der Rabe. „Ja klar, das wird bestimmt lustig.“
Den ganzen Tag wartete Phillip ungeduldig auf seine schwarzen Freunde und als diese pünktlich angeflogen kamen, traute er seinen Augen nicht. Nicht hunderte sondern abertausend Vögel müssen es gewesen sein! Der wolkenfreie blaue Sommerhimmel wurde auf einmal schwarz und ein unheimliches Rauschen und Krächzen erfüllte die Luft. Als endlich alle Vögel auf der Wiese gelandet waren, stand Phillip vor einem großen schwarzen Feld von Raben. Ihm wurde etwas bange. Doch zum Glück kam sein Freund der Rabe auf ihn zu und sagte:“ Wir haben da etwas vorbreitet. Wir singen dein Rabenlied alle zusammen. Also die, die singen können. Und wir haben uns ein paar weitere Strophen dazu ausgedacht. Ich hoffe, es gefällt dir.“
In diesem Moment begann der seltsame Chor das Lied zu singen, oder besser: zu krächzen. Es klang so, als ob tausend heißere Kinder singen, aber es war „Gesang“. Das Lied ging viele viele Strophen, die ich hier alle gar nicht aufschreiben kann. Und vielleicht fällt Dir eine weitere ein?
Als die Eltern an diesem Tag nach Hause kamen, waren die Vögel gerade weggeflogen. Nur wunderte man sich im Dorf über diesen riesengroßen Vogelschwarm, machte sich aber, wie so oft, keine größeren Gedanken und ging wieder den alltäglichen Dingen nach.

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