Vor langer Zeit stand auf einem Hügel ein uralter Eichenbaum. Er war weit über 1000 Jahre alt und hatte Vieles kommen und gehen gesehen. In seiner Nähe befand sich ein Wald, in dem kein einziger Baum älter als er war. Er kannte den Wald als kleine und zarte Schonung und hatte ihn schon viele Male wachsen gesehen. Und er kannte die Männer, die hin und wieder ein paar Stämme aus dem Wald mitnahmen, um daraus Dinge herzustellen oder ein Haus zu wärmen. Doch ihn hatte man über die Jahrhunderte stets verehrt und geschont. In seinem Schatten hatten Kinder gespielt und Eicheln gesammelt, Liebenspaare sich geküsst und einsame Menschen ihr Leid geklagt. Er hat glückliche Zeiten erlebt und schwere mit Kriegen und Krankheiten. Er war mit den Jahren ein mächtiger und stolzer Baum geworden. Wenn ihm auch der Sturm hin und wieder ein paar Äste stahl und ein paar freche Kinder Zweige abrissen, so störte ihn das kaum. Ja, man konnte sagen, dass er das älteste Lebewesen weit und breit war.
Doch nun spürte er, dass es zu Ende ging und ihm wurde bei diesem Gedanken etwas bange.
Eines grauen Morgens im Spätherbst, er hatte schon alle Blätter dem Nordwind geschenkt, stand der Tod an seinen Wurzeln und wollte ihn zu sich holen. „Du weißt, dass es an der Zeit ist?“ sagte der Tod mit seiner eisigen Stimme. „Ja, nur es ist so, dass ich mich frage, ob es nicht doch noch etwas für mich zu tun gibt. Habe ich alles erledigt, was notwendig war?“ fragte der Eichenbaum die schwarze Gestalt. „Du hast den Menschen einen guten Dienst erwiesen. Hast mit deinen Wurzeln das Wasser im Boden gehalten, damit ihre Felder und Wiesen nie austrocknen, hast ihnen Schatten gespendet. Sie haben sich an dir erfreut. Vögel wohnten in deinem Geäst. Du gabst ihnen Schutz. Deine Aufgabe ist erfüllt. Nun lass es gut sein.“ sprach der Tod.
„Ich würde so gern weiterwachsen und noch größer werden“ sagte der Baum. „Es gibt kein ewiges Wachsen. Alles was wächst, kehrt irgendwann zu seinem Anfang zurück. Das Alte macht Platzt für das Neue. Deine Zeit ist vorbei. Darum bin ich hier.“
„Was ist, wenn ich gestorben bin, wo bin ich da?“ fragte der Baum. „Du verwandelst dich. Du verschwindest nicht wirklich, Du nimmst Abschied von deinem Leben als Baum und kommst zurück, irgendwann. Es gibt keinen Grund, ängstlich zu sein. Komm!“ Mit diesen Worten hob der Tod seine Hand.
„Warte, bitte! Noch eine letzte Frage: Was wird von mir bleiben, wenn ich nicht mehr bin?“ „Die Erinnerungen an dich und deine Kinder. Schau, allein in diesem Jahr sind viele deiner Früchte aufgegangen und manche werden ebenfalls zu stolzen Eichen heranwachsen, wie du eine warst. Durch deine Kinder bist du unsterblich geworden.“ Der Baum wurde sehr nachdenklich und ruhig. Die Angst war einer inneren Ruhe und Stille gewichen. Jetzt war er bereit.
„Also gut. Ich wünsche mir nur noch, dass aus meinem Stamm etwas Nützliches gemacht wird und meine Zweige den Menschen im Winter Wärme spenden.“ „Das ist ein guter Wunsch. Er wird dir erfüllt werden.“ Mit diesen Worten erhob sich die dunkle Gestalt und begann mit ihrer Aufgabe.
Man sah ein mildes Licht emporsteigen, welches sich immer schneller in Richtung der aufgehenden Sonne entfernte.
Ich finde sehr gut, dass den baum sein letzter Wunsch vom Tod noch erfüllt wird!
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